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Gründerin Bianca Naumann (l.) mit IHK-Gründungsberaterin Susanne Maaß vor ihrem Unverpackt-Laden Foto: Olaf-Wull Nickel
Blickpunkt

Auf ein Neues

Gründen in der Krise? Warum eigentlich nicht. Sie bietet auch Chancen, etwa für digitale und nachhaltige Start-ups. Die IHK hat ihr Beratungs- und Unterstützungsangebot um- und ausgebaut und ist als Partner auf Wunsch von Anfang an dabei.

Text: Lothar Schmitz, Fotos: Olaf-Wull Nickel

Einen Tag, bevor Bianca Naumann ihren neuen Unverpackt-Laden in Engelskirchen eröffnete, hatte sie einige Wegbegleiterinnen und -begleiter eingeladen. Auch Angelika Nolting und Susanne Maaß waren am 13. Februar in das Geschäft im Ortsteil Ründeroth gekommen. Nolting leitet die Unternehmensförderung der Geschäftsstelle Oberberg der IHK Köln, Maaß ist dort Gründungsberaterin.

„Diese Gründung haben wir von der ersten Idee bis zur Eröffnung begleitet“, erzählt Susanne Maaß Ende August in einem Telefonat. „In so einem Fall ist es dann natürlich auch schön, bei der Eröffnung dabei zu sein und zu sehen, wie beharrlich und optimistisch eine Gründerin oder ein Gründer ihre Idee vorantreibt und schließlich verwirklicht, allen Hürden zum Trotz!“

Dass die größte Hürde erst noch folgen würde – die Corona-Krise und mit ihr massive Umsatzrückgänge –, wusste Bianca Naumann am 13. Februar noch nicht. Alle anderen hatte sie bis dahin durch ihren Elan und Ehrgeiz sowie mit Unterstützung ihres Mannes und der beiden IHK-Expertinnen erfolgreich aus dem Weg geräumt.

Mit Beratung zum durchsetzungsfähigen Businessplan

Die 49-Jährige hatte zuvor noch nie einen Businessplan erstellt, geschweige denn einen Bankberater von einer Geschäftsidee überzeugen müssen, so dass er einem Kredit in nicht unerheblicher Höhe zustimmt. Beides gelang ihr, auch dank mehrerer Beratungsgespräche,
in denen sie wichtige Impulse erhielt, um ihrem Businessplan die nötige Durchschlagskraft zu geben. Ihr Mann wiederum, Inhaber einer Schreinerei, war nicht nur ein guter privater Ratgeber, sondern half ihr auch ganz praktisch, indem er wesentliche Teile der Ladeneinrichtung baute.

Vor ihrer Unternehmensgründung arbeitete Bianca Naumann einige Jahre in einem Baumarkt. „Dort wurde mir irgendwann bewusst, dass wir viel zu viel Verpackungsmüll produzieren“, erzählt sie. Ihr Bewusstsein für Nachhaltigkeit stieg und stieg, sie las immer mehr über das Thema. „Irgendwann wurde mir klar, dass ich mich nicht nur empören, sondern dass ich selbst etwas tun möchte und kann!“ Ein Unverpackt-Laden sollte es werden. Sie recherchierte viel im Internet und schaute sich auch selbst ein paar solcher Läden an, etwa in Mainz.

Ganz neu ist die Idee nicht. Das Wirtschaftsmagazin „enorm“ zählte Ende 2019 bereits über 100 solcher Unverpackt-Läden, viele davon in größeren Städten. Aber noch keinen in Engelskirchen. Bis Februar 2020. Seitdem bietet Bianca Naumann auf rund 100 Quadratmetern Nudeln und Reis, Obst und Gemüse, Gewürze und Süßes, Essig und Öle, Waschmittel und Kosmetika und noch mehr an. Die Kunden bringen geeignete Behältnisse selbst mit. Ihr Motto hat Bianca Naumann bei Gandhi entlehnt: „Sei selbst die Veränderung, die du dir für diese Welt wünschst.“

Jede Gründerin und jeder Gründer kann an irgendeiner Stelle Unterstützung brauchen – und dann sind wir da!

Mathias Härchen, Leiter Unternehmensförderung der IHK Köln

Gründen wird digitaler und nachhaltiger

Mathias Härchen beobachtet und begleitet die Gründungsszene seit vielen Jahren. „Der Gedanke, etwas verändern zu wollen, etwa in Richtung mehr Nachhaltigkeit“, sagt der Leiter Unternehmensförderung der IHK Köln, „ist in den vergangenen Jahren zu einem mächtigen Gründungstrend geworden.“ Die Zahl der Gründungen, die sich beispielsweise an einem oder mehreren der UN-Nachhaltigkeitsziele orientieren, nehme spürbar zu. Dies geht nach Ansicht des Gründungsexperten einher mit einem zweiten massiven Trend: der zunehmenden Digitalisierung. „Viele Start-ups identifizieren einen gesellschaftlichen oder wirtschaftlichen Verbesserungsbedarf und suchen darauf eine digitale Antwort“, sagt Härchen.

Einen Beleg für diese These lieferte in den vergangenen Monaten die Roadshow „Neue Gründerzeit NRW“. Bei insgesamt acht Veranstaltungen hatten innovative Gründerinnen und Gründer die Chance, ihre Geschäftsideen einer Jury vorzustellen und ein Preisgeld zu gewinnen. „Der Nachhaltigkeitstrend zog sich im Grunde durch alle Veranstaltungen“, hat Petra Göbbels festgestellt, Gründungsberaterin im Team von Mathias Härchen. Unter den prämierten und nominierten Geschäftsmodellen finden sich beispielsweise nachhaltige Pumpen für die Umwelt- und Entsorgungsindustrie, ein Unverpackt-Laden für kosmetische Rohstoffe sowie ein Konzept für umweltbewussteres Einkaufen von Second-Hand-Mode.

Fünf Wochen vor dem Finale in Düsseldorf Ende September (nach Redaktionsschluss) fand in der IHK Köln die achte Roadshow statt. – Wegen der Corona-Krise als Live-Videostream im Internet. In einem Video stellte die IHK ihr Beratungs- und Serviceangebot für Gründerinnen und Gründer vor. Danach präsentierten sich fünf nominierte Start-ups mit einem jeweils fünfminütigen Video. Sie waren zudem live zugeschaltet und antworteten auf Fragen der Moderatorin. Bereits eine Woche zuvor hatte eine Fachjury getagt – das Ergebnis wurde während der Roadshow bekannt gegeben. Außerdem konnte das Onlinepublikum sein favorisiertes Start-up per Live-Voting bestimmen. In beiden Fällen auf Platz 1: Vytal Global aus Köln.

Kontakte knüpfen mit dem IHK-Netzwerk

Mit ihrer Gründung passen auch Dr. Fabian Barthel, Dr. Tim Breker und Sven Witthöft perfekt ins derzeitige Schema aus digital und nachhaltig. Die drei Kölner wollen das ihrer Ansicht nach ebenso sinnvolle wie ineffiziente Pfand-System revolutionieren. Ihre Antwort: ein digitales Mehrwegsystem für Mahlzeiten, die Menschen nach Hause oder ins Büro bestellen oder für unterwegs kaufen.

Das Start-up stellt Restaurants, Kantinen, Caterern und Lebensmittelhändlern Mehrwegschalen und Marketingmaterialien zur Verfügung. Konsumenten können sich dann für Ein- oder Mehrweg entscheiden. „Ganz wichtig: Wir erleichtern die Entscheidung schon dadurch, dass am Point of Sale kein Pfand erhoben wird“, erklärt Breker, „der Preis ist exakt gleich.“ Damit entferne man eine wichtige psychologische Barriere.

Die Kundinnen und Kunden geben nach Nutzung die Schalen zurück – am selben Ort oder bei einem der anderen Partner. Über eine App wird das alles registriert; sie zeigt auch die Ausgabestellen an. Unternehmen ab 30 Beschäftigten und Betriebskantinen können auch Sammelboxen für die Vytal-Schalen aufstellen. „Dank der App haben wir jederzeit einen Überblick,wie viele Schalen im Umlauf sind und bei welchen Kunden sie gerade knapp werden“, sagt Breker. Und noch ein Plus: Die Kunden erfahren genau, wie viel Verpackungsmüll und somit wie viel CO2 sie durch das System in einem bestimmten Zeitraum eingespart haben. „Das macht sich gut im Nachhaltigkeitsbericht“, weiß Breker.

Mitte März ging die Vytal Global GmbH formal an den Start, davor hatten die drei Jungunternehmer ihre Gründung intensiv vorbereitet. Dabei nutzten sie auch das umfassende Netzwerk der IHK Köln, so dass sie wertvolle Kontakte knüpfen konnten. „Dieser Austausch hat uns echt weitergebracht“, betont Breker.

Noch decken die Umsätze bei weitem nicht die Kosten, dennoch sind die drei Gründer sehr optimistisch. „Unser Modell ist auf Skalierung ausgelegt“, berichtete Breker Ende August, „wir sind außer in Köln bereits in Berlin, Düsseldorf, Hamburg, Freiburg und München aktiv!“ Die Zahl von 30 Geschäftskunden im März habe sich bereits verfünffacht. Corona habe dabei eher geholfen. „Insbesondere während des Lockdowns stieg die Nachfrage nach Take-away und Food Delivery massiv an“, erlebte Breker.

Gründungswerkstatt Nordrhein-Westfalen

Online zum eigenen Businessplan: Die Gründungswerkstatt Nordrhein-Westfalen unterstützt Gründungswillige und junge Unternehmen bei der Planung und Umsetzung ihrer Geschäftsidee. Sie verbindet die Vorteile von Web-Portal, E-Learning und persönlicher Beratung. Registrierte Nutzerinnen und Nutzer können ihren Businessplan Schritt für Schritt entwickeln und die Ergebnisse in einem geschützten Bereich speichern.

Zugleich stehen während des gesamten Prozesses eine Beraterin oder ein Berater der jeweiligen IHK vor Ort zur Klärung offener Fragen bereit. Die Gründungswerkstatt ist ein Verbund von IHKs, Handwerkskammern und anderen Gründungsförderern,
die eine gemeinsame technische Basis für die Erstellung eines Businessplans
und Gründerbetreuung einsetzen.

Das Angebot ist kostenlos, die Beratung erfolgt neutral, kompetent und ortskundig.

www.gruendungswerkstatt-nrw.de

Agile Gründungsberatung

Nicht nur die Gründungsszene verändert sich. „Auch wir haben in den vergangenen Jahren unser Angebot für Start-ups erheblich erweitert und umgestellt“, erzählt IHK-Gründungsexperte Mathias Härchen. Früher habe es eher klar umrissene Stufen gegeben.„Die Gründerinnen und Gründer schrieben einen Businessplan, und als der fertig war, gingen sie damit in eine erste Gründungsberatung.“ Das sei aber viel zu statisch.

Heute begleitet die IHK Gründerinnen und Gründer, die ihren Rat suchen, kontinuierlich: auf Wunsch von der ersten Geschäftsidee bis zum tatsächlichen Start – und auch darüber hinaus in Wachstums-, Internationalisierungs- und Krisenphasen. „Das Gründen ist viel agiler geworden, es wird mehr ausprobiert, gefeilt, angepasst“, sagt Härchen, „und das haben wir uns auch zu eigen gemacht.“

Der Grund ist einfach: Kaum jemand bringt das komplette Knowhow mit, das für eine Unternehmensgründung erforderlich ist. Die IHK deckt aber sämtliche Wissensfelder ab – von Finanzierung über Recht und Steuern bis zu Innovation und Internationalisierung. „Jede Gründerin und jeder Gründer kann an irgendeiner Stelle Unterstützung brauchen – und dann sind wir da“, betont Härchen.

Die IHK-Gründungsberatung teilt sich daher in sechs Felder auf:

  • Geschäftsidee & Konzeption
  • Gründerperson & Gründungsarten
  • Organisation & Personal
  • Finanzierung & Förderung
  • Beratung & Netzwerke
  • Wachstum & Internationalisierung

Selbst danach endet die Unterstützung nicht. Härchens Team steht auch bereit, um Personen zu beraten, die einen Betrieb übernehmen wollen oder die einen Nachfolger oder eine Nachfolgerin suchen.

Gründerstipendium.NRW

Gründerinnen und Gründer können mit monatlich 1.000 Euro bis zu ein Jahr lang gefördert werden. Das Land NRW will ihnen so den Rücken freihalten, damit sie sich auf ihre innovative Geschäftsidee konzentrieren können. Die Vergabe erfolgt dezentral und unbürokratisch über die Gründernetzwerke in Nordrhein-Westfalen.

Das STARTERCENTER NRW der IHK Köln ist eine dieser Anlaufstellen. Dort können sich Gründerinnen und Gründer bewerben. Sie werden zu einer der derzeit monatlich stattfindenden Jurysitzungen eingeladen und haben jeweils fünf Minuten Zeit, ihr Konzept vor Expertinnen und Experten der IHK, der Handwerkskammer und der Wirtschaftsförderung der Stadt Köln zu präsentieren. Diese wählen dann die Stipendiatinnen und Stipendiaten aus. Durchschnittlich die Hälfte der jeweils rund zehn bis 20 Kandidatinnen und Kandidaten erhalten eine Empfehlung und können damit beim Land das Stipendium beantragen. Seit Juli 2018 haben die IHK und ihre Netzwerkpartner rund 160 Start-ups mit fast 300 Gründerinnen und Gründern für die Förderung empfohlen. Das entspricht einer Fördersumme von ungefähr 3,5 Millionen Euro. Zirka 320 Start-up-Teams hatten sich beworben.

www.ihk-koeln.de, Dok.-Nr. 184500

www.gruenderstipendium.nrw

Kontakt

Köln:
Mathias Härchen
Tel. 0221 1640-1571
mathias.haerchen@koeln.ihk.de

Petra Göbbels
Tel. 0221 1640-1572
petra.goebbels@koeln.ihk.de

Geschäftsstelle Oberberg:
Susanne Maaß
Tel. 02261 8101-9957
susanne.maass@koeln.ihk.de

Geschäftsstelle Rhein-Berg:
Roswitha Ruthenbeck
Tel. 02171 4908-9904
roswitha.ruthenbeck@koeln.ihk.de

Geschäftsstelle Rhein-Erft:
Petra Maskow
Tel. 02271 8376-1840
petra.maskow@koeln.ihk.de

Pfand neu gedacht: Zusammen mit Fabian Barthel und Tim Breker schuf Sven Witthöft (Bild) „Vytal Global“. Das Unternehmen gewann in Köln die Roadshow „Neue Gründerzeit NRW“ der NRW-Landesregierung
Foto: Olaf-Wull Nickel

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